Voll am Start

Triathletin Carolin Lehrieder ist bereit für den nächsten großen Coup.  

Noch wird Carolin Lehrieder nicht im ersten Atemzug genannt, wenn es um die Top-Stars der Triathlon-Szene geht. Aber das könnte sich bald ändern: Denn die 31-jährige Würzburgerin hat sich in die perfekte Ausgangssituation gebracht, um vielleicht schon 2021 nach dem ganz großen Erfolg zu greifen. Und das, obwohl 2020 für sie mit einer großen Enttäuschung endete. 

Schmerzen auf dem Speedway  

Die Challenge Daytona auf dem weltberühmten Speedway avancierte für viele Triathleten zum Highlight des Jahres. Carolin war mit dabei, musste allerdings bei Kilometer 55 auf dem Rad aus dem Rennen aussteigen. Was war passiert? „Ich habe schon seit einigen Wochen mit  Beschwerden im Fuß gekämpft. Offenbar bin ich beim Laufen eine Schonhaltung eingegangen, die über das Becken in einer schiefen Sitzposition auf dem Rad resultiert ist.“ 

»Ich muss halt mal die Füße stillhalten.«  

Die Schmerzen wurden zu groß. Carolin beendete vorzeitig das Rennen. Die Diagnose zeigte nun: Es handelt sich um ein Knochen-Ödem am Mittelfuß, eine Vorstufe zum Ermüdungsbruch. Wie geht man damit um? Am besten positiv! „Schade, dass ich in Daytona aufgeben musste“, sagt Carolin, „aber wenn es eine gute Zeit gibt, eine Überbeanspruchung auszukurieren, dann jetzt. Ich muss halt mal die Füße stillhalten. Im Januar kann ich dann wieder angreifen.“ 

Aeroposition in Perfektion 

Trotz ihres DNF hat Carolin das Rennen in Florida genossen. Die Triathleten fuhren auf dem 4 km langen „Daytona International Speedway“ 20 Runden im Oval. Eine einzigartige Erfahrung: „Es gab keine Phase, in der man sich mal guten Gewissens aufrichten konnte. Es galt, die Aeroposition in Perfektion zu halten. Die eigene Aerodynamik so konsequent zu spüren, sich nur darauf zu konzentrieren, seine Werte zu treten ... das war schon faszinierend.“ 

»Luxuriös, dass ich für Hawaii bereits qualifiziert bin.« 

Das lange Corona-Jahr 2020 hat an vielen Triathleten gezehrt. Weil ohne Rennen auch die Pausen zwischen den Rennen fehlten. Die Spannung blieb über Monate hoch, um im Falle eines doch noch stattfindenden Wettkampfs in optimaler Form zu sein. Was ist nun für 2021 zu erwarten? „Es wird ein extrem spannendes Jahr“, glaubt Carolin, „das ich aus einer luxuriösen Position angehen kann: Schließlich bin ich bereits für die WM auf Hawaii qualifiziert.“ 

Eine von 35 Profis in Kona

Kurzer Rückblick: Im September 2019 gewann Carolin Lehrieder den Ironman Italy. Ein Sieg, der dank eines neuen Streckenrekordes (8:48:23 h) nicht nur für Aufmerken bei der Konkurrenz sorgte. Sondern der Würzburgerin gleichzeitig das Ticket für die WM auf Hawaii bescherte. Als eine von 35 Profi-Athletinnen. Und da die WM 2020 wegen Corona ins Wasser fiel, bleibt die Startgarantie für den kommenden Oktober 2021 bestehen. 

»Ich weiß nun, dass ich ein Rennen entscheiden kann.«

Überhaupt markierte der Triumph in Italien einen Meilenstein. Nach sechs Top10-Ergebnissen als Profi auf der Langdistanz, war dies ihr erster Ironman-Sieg. „Ganz oben auf dem Podium zu stehen, hat mir viel Selbstbewusstsein geschenkt. Ich weiß nun, dass ich mit der Ambition in ein Rennen gehen kann, es für mich entscheiden zu können. Als gute Schwimmerin und Radfahrerin kann ich einen Wettkampf jetzt noch konsequenter mitgestalten.“ 

Zweite. Fünfte. Erste. 

Das Jahr 2020 hat sie für gezieltes Lauftraining genutzt. „Hier habe ich einen Sprung nach vorne gemacht“, sagt sie, „und ich hoffe, das im kommenden Jahr auch zeigen zu können.“ So könnte es ein Jahr mit weiteren Erfolgen werden. Ähnlich wie in 2019, als Carolin bei der Challenge Taiwan als Zweite finishte, bei der traditionell stark besetzten Challenge Roth als Fünfte ins Ziel kam und dann eben den Ironman Italy für sich entschied. 

»Auf der Erfolgswelle wäre ich gerne weitergesurft.« 

„Natürlich war es schade, dass ich von Corona ausgebremst wurde“, sagt Carolin: „Nach meinen guten Ergebnissen in 2019 wurde mir das Momentum genommen. Ich wäre gerne auf dieser Erfolgswelle weiter gesurft.“ Aber vielleicht wird 2021 ja in Hawaii auf der Welle gesurft, wenn die dann 32-Jährige (und damit immer noch junge Langdistanz-Athletin) perfekt austrainiert in Kona an den Start gehen kann, wo sie eine Top10-Platzierung anstrebt. 

Im Flow mit dem Job  

Eben hier auf Big Island Hawaii hat im Jahr 2013 die Profi-Karriere der Carolin Lehrieder begonnen. Nach ihrem dritten Platz in der Altersklasse 18-24 (und damit WM-Bronze) fiel die Entscheidung, ins Pro-Lager zu wechseln. „Es sollte eigentlich nur eine Test-Saison werden. Und dann ging es immer weiter. Nun genieße ich seit vielen Jahren den Flow, den dieser Job, der immer mein Hobby und meine Leidenschaft geblieben ist, mit sich bringt.“ 

»Ich will spüren, zu was ich in der Lage bin.« 

Hat Carolin ihre Entscheidung während der trainingsintensiven Jahre auch mal bereut? „Nein“, sagt sie, ohne zu überlegen: „Natürlich ist es anstrengend. Und natürlich gibt es Phasen, in denen es einem schwer fällt, sich so viel abzuverlangen. Aber das ist nun mal meine Persönlichkeit. Ich fühle mich einfach wohl, wenn ich Sport treiben kann. Ich will spüren, zu was ich in der Lage bin. Denn genau das ... bin ich.“