Hoch hinaus

Markus Eisenbichler auf dem Sprung zur 69. Vierschanzentournee. 

Die Saison 2020/2021 läuft – und Markus Eisenbichler ist in der Spur: Im November gewann er die Weltcup-Springen in Wisla und Ruka-Kuusamo. Anfang Dezember holte er Silber (Team) und Bronze im Einzel bei der Skiflug-WM in Planica. Nun hat der Weltmeister von 2019 das nächste Highlight vor Augen: Gemeinsam mit seinem norwegischen uvex-Kollegen Halvor Egner Granerud ist Eisenbichler Top-Favorit auf den Gesamtsieg bei der 69. Vierschanzentournee. 

Runterkommen, um abzuheben 

„Ich war wochenlang im Weltcup unterwegs“, sagt Markus, „nach dem Springen in Engelberg ist die Festplatte jetzt ganz schön voll.“ Um den Kopf freizukriegen geht der 29-Jährige gerne mal eine Skitour. So kann er vor einem Event wie der Vierschanzentournee noch einmal runterkommen und Energie sammeln. Um dann so richtig abzuheben. 

 

Wie fühlt sich das eigentlich an? Wenn einem ein umjubelter Riesensatz gelingt? Markus nimmt uns mit auf einen seiner weiten Sprünge: 

„Du merkst schon in der Anlaufspur, dass du dich wohlfühlst, spürst, dass du einen weiten Sprung rausfeuern willst. Einerseits bist du ruhig, andererseits steigt die Vorfreude mit jedem Meter, den der Schanzentisch näherkommt. Der Absprung ist nur ein Augenblick, kurz und explosiv. Sobald du in der Luft bist, weißt du, wie weit es gehen kann. Die Übergangsphase in den Flug muss harmonisch sein. Ohne mit den Armen zu korrigieren, kommst du perfekt ins V und legst dich auf ein Luftpolster. Das System schließt sich wie eine Schranke. Körper und Ski bilden eine Einheit, als würden sie in der Luft einrasten. Dieser Vorgang dauert nur ein bis zwei Sekunden. Hat sich das System aus Springer, Material und Luftpolster geschlossen, bist du stabil. Du weißt, dass du an die Grenze gehen und den Sprung wirklich ausreizen kannst. Nun genießt du den Flug, bereitest dich auf die Landung vor, setzt sauber auf, vielleicht sogar im Telemark. Alle Rezeptoren melden an dein Gehirn: GENIALER SPRUNG! Erst jetzt spürst du die volle Ladung Adrenalin, die Spannung verfliegt und verwandelt sich in pure Emotion.“  

»Ich bin dankbar dafür, dass ich fliegen darf.« 

In der Realität ist ein Sprung wie dieser natürlich hochkomplex. Am Schanzentisch drückt sich Markus vertikal nach oben ab, die Neigung des Tisches und die Keile in Schuhen und Ski lassen die Muskelkraft nach vorne wirken und bringen ihn in seine extreme Vorlage. „Manchmal frage ich mich, wie ich das überhaupt schaffe. Ich bin dankbar dafür, dass ich das so lange trainieren und verbessern durfte, um heute auf diesem Niveau springen und fliegen zu können.“

Der Kopf entscheidet die Tournee

Derzeit gelingt Markus das Fliegen wie nur wenigen anderen. Kann er sich bei der Vierschanzentournee sogar zum Sieger krönen? „Wenn ich mein Potenzial abrufe und nicht nur einen, sondern jeweils zwei gute Sprünge hinlege, ist alles drin“, sagt er. Dabei spiele vor allem der Kopf eine Rolle: „Skispringen ist ein sehr feinfühliger Sport. Du musst dich rundum wohlfühlen, auch im Verhältnis zu deinen Trainern und im privaten Umfeld.“ 

»Wie reagierst du, wenn mal ein Sprung daneben geht?« 

Die Psychologie beim Skispringen ist einfach: Wenn’s läuft, dann läuft’s. Und wenn nicht? „Dann zeigt sich, wie stark ein Athlet wirklich ist“, sagt Markus. „Wie reagierst du, wenn ein Sprung daneben geht? Wenn mal das Gefühl fehlt? Dann wird’s knifflig!“ Genau dafür bewundere er den Polen Kamil Stoch, der schon seit Jahren ganz vorne mit dabei ist. „Das ist schon beeindruckend. So eine Konstanz zu zeigen, ist für mich der wahre Erfolg.“

Begeisterung vor dem TV 

2020/2021 findet die Vierschanzentournee erstmals in ihrer fast 70-jährigen Geschichte ohne Publikum statt. Wie stellen sich die Sportler darauf ein? „Wenn du in ein jubelndes Fahnenmeer springst, trägt dich das gefühlt noch einmal zwei oder drei Meter weiter“, sagt Markus: „Aber auch ohne diese Atmosphäre ist großer Sport möglich. Ich bin mir sicher, dass wir die Zuschauer auch am Fernseher begeistern werden.“ Und dabei könne die Ruhe sogar von Vorteil sein. 

»Ich versuche, nicht zu denken.«

„Das Publikum kann dich pushen. Ohne den Trubel bist du aber in der Lage, dich vielleicht noch fokussierter auf deinen Sprung zu konzentrieren.“ Oben auf der Schanze hat Markus dabei sein eigenes Ritual: „Ich richte mir die Brille, versuche gleichmäßig zu atmen, alles auszublenden und nicht zu denken. Stattdessen vertraue ich auf meinen Körper. Ich spüre, dass ich das Richtige tun werde. Dann bin ich bereit für einen weiten Sprung.“

Und nun? Wollen wir den Schanzen der legendären Tournee noch ein wenig näher kommen. Markus Eisenbichler stellt uns seine „vier Freunde“ auf ganz persönliche Weise vor: 

„Mit der Vierschanzentournee ist es wie in einer Clique mit Menschen, die einem besonders nahe stehen. Oberstdorf ist der beste Freund. Er baut dich auf, ist immer für dich da, auf ihn kannst du dich zu 100 Prozent verlassen. Garmisch ist eine Schanze für Flieger, mit ihr fühlst du dich leicht und unglaublich wohl. Für mich ist Garmisch wie meine Freundin, die ich liebe. Innsbruck? Oh Mann ... Innsbruck!  Das ist der Kumpel, der auch mal einen Spruch ablässt, einem auf die Nerven geht. Und trotzdem hat man ihn gerne, weil man ihn für seine offene und direkte Art schätzt. Schließlich Bischofshofen: Er ist der ruhige Gefährte, der dich runterbringt, wenn du emotional geladen und aufgewühlt bist. Mit ihm kann man entspannt am Tisch sitzen, auch mal schweigen und einfach nur sein.“