Queen of Kona

IRONMAN-Weltmeisterin Anne Haug über ihren Weg zur Königin von Hawaii.

Es ist nicht so, als wäre Anne Haug ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Schon vor ihrem Hawaii-Sieg hat sie WM-Medaillen auf allen Triathlon-Distanzen geholt: Vize-Weltmeisterin auf der Kurzdistanz 2012 und Weltmeisterin 2013 mit der „Mixed Staffel“ im Sprint. 2018 Dritte bei der IRONMAN 70.3 WM in Südafrika; kurz darauf läuft sie auch bei der IRONMAN-WM aufs Podium.

Eine beachtliche Karriere, die ein Jahr später ihren (vorläufigen) Höhepunkt erfährt: Am 12. Oktober 2019 erwischt Anne den perfekten Tag. Sie lässt die versammelte Weltelite der Langdistanz-Triathletinnen hinter sich. Und krönt sich auf dem legendären Ali’i Drive in Kona als erste Deutsche überhaupt zur IRONMAN-Weltmeisterin.

Von der Atmosphäre getragen

Ein starkes Schwimmen in der Spitzengruppe legte den Grundstein, so konnte sie im weiteren Rennverlauf „agieren und nicht nur reagieren“, sagt Anne rückblickend. Auf dem Rad habe sie „aktiv die Geschwindigkeit hochgehalten“, um die starke Britin Lucy Charles-Barkley nicht zu weit davon ziehen zu lassen und vor dem abschließenden Marathon noch alle Möglichkeiten zu haben.

Auf der Laufstrecke spielte sie dann ihre große Stärke (Marathon-Bestzeit 2:36:13 h) aus. Ohne Hektik und ganz kontinuierlich arbeitete sie sich an die Führende heran, um sie schließlich zu überholen. „Ich bin mein Tempo gelaufen, habe auf meinen Körper gehört. Und am Ende spürst du dann eh nichts mehr, die Atmosphäre trägt dich einfach ins Ziel.“

Die Stärke kommt aus dem Kopf

 

Beim Triathlon ist es einfach: Die Geduldigen werden belohnt. Anne sagt: „Als Kind habe ich alle möglichen Sportarten ausprobieren dürfen und gemerkt, dass ich schnell und ausdauernd laufen kann.“ Obwohl sie das Schwimmen nicht mochte, entschied sie sich mit 20 Jahren dafür, ihre Energie in eine Karriere als Triathletin fließen zu lassen. Warum sie das tat? Weil sie es wollte.

 

 

 

»Alles ist möglich. Wenn du weißt, dass du das Richtige tust.«

„Es ist faszinierend, welche Leistung man erbringen kann, wenn man es unbedingt möchte. Wenn man kontinuierlich trainiert und voller Hingabe an sich arbeitet“, beschreibt Anne ihren Weg zur IRONMAN-Weltmeisterin. „Du musst Träume haben und dafür brennen, deine Ziele zu erreichen. Dann ist alles möglich. Weil du weißt, dass du das Richtige tust.“

Herz und Lunge brauchen Zeit

 

Seine muskuläre Höchstleistung erbringt unser Körper in jungen Jahren. In vielen Sportarten erreichen wir bereits mit Mitte 20 unseren Zenit. Triathlon ist anders: Nicht selten können wir unser volles Ausdauervermögen erst mit Ende 30 oder sogar im Alter von 40 Jahren abrufen. Herz und Lunge sind Spätstarter und brauchen Zeit, bis sie voll ausgebildet sind.

Die meisten Profis beginnen ihre Triathlon-Karriere deshalb auf der Kurzdistanz, ehe sie auf die Mittel- und Langdistanz (IRONMAN) wechseln, um ihre über Jahre antrainierte Ausdauerfähigkeit und Wettkampfhärte zu nutzen. Ebenso war es bei Anne Haug, die schließlich mit 36 Jahren bereit für den großen Triumph in Kona war.

Niederlagen als Schlüssel zum Erfolg

 

Für den Erfolg sei es wichtig, Niederlagen nicht als Rückschläge zu sehen – sondern als Schritte auf dem Weg nach vorne. „Niederlagen formen Charakter und Willenskraft, sie bieten dir die Chance, die Dinge zu überdenken. Und ob du mit dir zufrieden bist oder nicht, solltest du nicht von einem Platz auf der Ergebnisliste abhängig machen. Was zählt, ist alleine deine Leistung.“

»Du spürst, dass etwas Besonderes bevorsteht.«

 

Trotz aller Routine nach 20 Jahren Wettkampferfahrung ist übrigens auch die Weltmeisterin noch immer vor dem Start nervös. Das sei aber auch von elementarer Bedeutung, sagt die diplomierte Sportwissenschaftlerin: „Du spürst, dass etwas Besonderes bevorsteht. Dass es dir wichtig ist. Wenn du diese Anspannung positiv annimmst, bist du bereit dafür, deine Bestleistung abzurufen.“

Von Corona bis nach Kona

Als wegen Corona wochenlang die Schwimmbäder geschlossen waren, hat Anne Gummibänder ums Treppengeländer gespannt, sich daheim auf einen Klavierhocker gelegt und so ihre Arme trainiert. Es folgten Wochen der Ungewissheit, inzwischen wurde die IRONMAN WM 2020 endgültig abgesagt. Immerhin: So bleibt Deutschlands Top-Triathletin noch ein weiteres Jahr amtierende Weltmeisterin.

Wie behält Anne Haug in Zeiten wie diesen ihre Motivation? Auf was genau bereitet sie sich vor, wenn sie ihre intensiven Trainingseinheiten abspult? „Natürlich sind wir alle in Wartestellung, versuchen vor allem unser Niveau zu halten“; sagt sie. „Aber im Grunde genommen ist mein Ziel so einfach wie klar: Wenn es wieder losgeht, möchte ich so fit wie möglich sein.“